Schneewittchen heilt die Königin

Grimmsche Märchenbotschaften

Nutzen und Gefahren der grimmschen Märchen

Bewusstseinsbotschaften der Märchen von den Gebrüdern Grimm
Die grimmschen Märchen sind ein Schatz für die Bewusstseinsforschung – aber schädlich für die Bewusstseinsentwicklung. Die meisten grimmschen Märchen vermitteln Botschaften an das Bewusstsein, die eine Fehlentwicklung fördern. Deswegen sind sie für Kinder, für Psychotherapien und für unreflektierte Unterhaltung nicht zu empfehlen.

Für einen Einblick in das gesellschaftliche Bewusstsein der Vergangenheit sind die grimmschen Märchen jedoch sehr interessant. Die Märchen zeigen, wie das gesellschaftliche Bewusstsein seine Selbstheilungskräfte zu nutzen versucht hat, schließlich aber immer mehr bis hin zu „Hänsel und Gretel“ zerstört wurde. Deswegen habe ich das grimmsche Märchen „Hänsel und Gretel“ zum neuen Märchen „Gretel und Hänsel“ geheilt.

Wie wurde das Bewusstsein verdreht? Das beschreibt insbesondere „Schneewittchen“ in ausführlichen Einzelschritten. Deswegen habe ich speziell dieses Märchen analysiert. Weiter unten habe ich es für euch zu „Schneewittchen heilt die Königin“ umgeschrieben, damit ihr einen Vergleich habt, wie das Märchen gesund lauten würde. Das neue Märchen vermittelt dem Bewusstsein Heilung.

Und welche Bewusstseinsbotschaft vermitteln die weiteren grimmschen Märchen? In dem Buch „Welche Botschaft vermitteln die grimmschen Märchen?“ erfahrt ihr, auf welche Bewusstseinsbotschaften ihr euch einlasst, wenn ihr die Märchen lest.


Wie bin ich von „Schneewittchen und die 7 Zwerge“ zu „Schneewittchen heilt die Königin“ gekommen? Dazu habe ich vorweg ein Video für euch, in dem ich meine Vorüberlegungen mit euch teile. Darunter findet ihr dann einen Bewusstseinsüberblick und den neuen, überarbeiteten Märchentext als Anleitung zu einem gesunden Bewusstsein.

Welchen Bewusstseinszustand möchte das Märchen „Schneewittchen heilt die Königin“ vermitteln? Dazu habe ich vorab zwei Übersichten für euch. Die erste zeigt den gesunden Endzustand des Märchens, wenn man bei den Märchenfiguren des Ausgangsmärchens bleibt. Die zweite gibt einen Überblick über das vollständige Bewusstsein, zu dem ich das Märchen als „Schneewittchen heilt die Königin“ ergänzt habe.

Schneewittchen-Figuren im gesunden Märchenbewusstsein

Bewusstseinsüberblick zu Schneewittchen heilt die Königin

Schneewittchen heilt die Königin

Schneewittchen und die 7 Zwerge

Es war einmal mitten im Winter und die Schneeflocken fielen wie Federn aus der Weite des Himmels herab, da saß eine Königin an einem Fenster, das einen Rahmen von schwarzem Ebenholz hatte, und nähte. Und wie sie so nähte und nach der Weite des Himmels und dem Schnee aufblickte, stach sie sich mit der Nadel in den Finger und es fielen drei Tropfen Blut auf die Fensterbank. Und weil das Rote vor dem weißen Schnee so schön aussah, dachte sie bei sich: „Hätt ich ein Kind so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarz wie das Holz des Rahmens.“ Bald darauf bekam sie ein Töchterlein, das war so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarzhaarig wie Ebenholz; und ward darum das Schneewittchen genannt.

Der König aber war stolz und machthungrig und begrüßte seine Gemahlin daher jeden Tag mit den Worten:

Ich bin der mächtigste König hier

und dulde nur die schönste Königin neben mir.

Das machte der Königin große Angst, denn sie fürchtete sich davor, diesem Anspruch nicht zu genügen. Deswegen trat sie vor ihren wunderbaren Spiegel, beschaute sich darin und sprach:

„Spieglein, Spieglein an der Wand,

wer ist die Schönste im ganzen Land?“

Der Spiegel antwortete:

„Frau Königin, ihr seid die schönste im Land.“

Gretel und Hänsel heilen die Hexe - Kinder
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Da war sie zufrieden, denn sie wusste, dass der Spiegel die Wahrheit sagte. Zugleich verblasste ihre Schönheit genau durch diese Frage jeden Tag ein ganz klein bisschen mehr.

Schneewittchen aber wuchs heran und wurde immer schöner und als es sieben Jahre alt war, war es so schön wie der zarte Tag. Als die Königin, nach der Begrüßung durch den König, einmal ihren Spiegel fragte,

„Spieglein, Spieglein an der Wand,

wer ist die Schönste im ganzen Land?“,

so antwortete er,

„Frau Königin, ihr seid die Schönste hier,

aber Schneewittchen ist tausendmal schöner als ihr.“

Da erschrak die Königin und von dieser Stunde an, wenn sie Schneewittchen erblickte, kehrte sich ihr das Herz im Leibe herum, so fürchtete sie das Mädchen. Und die Angst wuchs wie ein Unkraut in ihrem Herzen immer höher, sodass sie Tag und Nacht keine Ruhe mehr hatte. Da rief sie einen Jäger und sprach: „Bring das Kind hinaus in den Wald, ich will es nicht mehr vor meinen Augen sehen.“ Der Jäger gehorchte und führte Schneewittchen hinaus.

Nun war das Kind in dem großen Wald mutterseelenallein und doch ward ihm nicht bange, denn es spürte die weite Geborgenheit des Himmels über sich und alle Blätter und Bäume fühlte es als Frieden im Herzen. Da fing Schneewittchen an zu laufen und lief über die spitzen Steine und durch die Dornen und die wilden Tiere sprangen an ihm vorbei, aber sie taten ihm nichts. Es lief so lange nur die Füße noch fort konnten, bis es bald Abend werden wollte, da sah es ein kleines Häuschen und ging hinein, um sich auszuruhen. In dem Häuschen war alles klein und zierlich und reinlich. Da stand ein weiß gedecktes Tischlein mit sieben kleinen Tellern, jedes Tellerlein mit seinem Löffelein, ferner sieben Messerlein und Gäblein und sieben Becherlein. An der Wand waren sieben Bettlein neben einander aufgestellt und schneeweiße Laken darüber gedeckt. Schneewittchen, weil es so hungrig und durstig war, aß von jedem Tellerlein ein wenig Gemüs und Brot und trank aus jedem Becherlein einen Tropfen Wein, denn es wollte nicht einem allein alles wegnehmen. Hernach, weil es so müde war, legte es sich in ein Bettchen, aber keins passte; sechse waren zu kurz, bis endlich das siebente recht war ‒ und darin blieb es liegen, befahl sich Gott und schlief ein.

Als es ganz dunkel geworden war, kamen die Herren von dem Häuslein, das waren die sieben Zwerge, die in den Bergen nach Erz hackten und gruben. Sie zündeten ihre sieben Lichtlein an, und wie es nun hell im Häuslein ward, sahen sie, dass jemand darin gewesen war, denn es stand nicht alles so in der Ordnung, wie sie es verlassen hatten. Der erste sprach: „Wer hat auf meinem Stühlchen gesessen?“ Der zweite: „Wer hat von meinem Tellerchen gegessen?“ Der dritte: „Wer hat von meinem Brötchen genommen?“ Der vierte: „Wer hat von meinem Gemüschen gegessen?“ Der fünfte: „Wer hat mit meinem Gäbelchen gestochen?“ Der sechste: „Wer hat mit meinem Messerchen geschnitten?“ Der siebente: „Wer hat aus meinem Becherlein getrunken?“ Dann sah sich der erste um und sah, dass auf seinem Bett eine kleine Delle war; da fragte er: „Wer hat in meinem Bettchen gelegen?“ Die anderen kamen gelaufen und riefen: „In meinem hat auch jemand gelegen.“ Der siebente aber, als er in sein Bett sah, erblickte Schneewittchen, das lag darin und schlief. Nun rief er die anderen, die kamen herbeigelaufen und flüsterten aufgeregt vor Verwunderung, holten ihre sieben Lichtlein und beleuchteten Schneewittchen. „Ei, du mein Gott!“, riefen sie, „Was ist das Kind so schön!“, und hatten so große Freude, dass sie es nicht aufweckten, sondern im Bettlein fortschlafen ließen. Der siebente Zwerg aber schlief bei seinen Gesellen, bei jedem eine Stunde, da war die Nacht herum.

Als es Morgen war, erwachte Schneewittchen und wie es die sieben Zwerge sah, erschrak es. Sie waren aber freundlich und fragten: „Wie heißt du?“ „Ich heiße Schneewittchen.“, antwortete es. „Wie bist du in unser Haus gekommen?“, erkundigten sich die Zwerge weiter. Da erzählte es ihnen, dass seine Mutter es durch den Jäger in den Wald hatte bringen lassen und da wäre es gelaufen den ganzen Tag, bis es endlich ihr Häuslein gefunden hätte. Die Zwerge sprachen: „Willst du unseren Haushalt versehen, kochen, Betten waschen, nähen und stricken; und willst du alles ordentlich und reinlich halten, so kannst du bei uns bleiben; und es soll dir an nichts fehlen.“ „Ja“, sagte Schneewittchen, „von Herzen gern“, und blieb bei ihnen. Es hielt ihnen das Haus in Ordnung: Morgens gingen die Zwerge in die Berge und suchten Erz und Gold, abends kamen sie wieder und da war ihr Essen bereit. Den Tag über war das Mädchen allein, da warnten es die guten Zwerglein und sprachen: „Hüte dich vor deiner Mutter, die wird bald wissen, dass du hier bist; lass ja niemand herein.“

Der König aber begrüßte seine Gemahlin wie jeden Tag mit den Worten:

„Ich bin der mächtigste König hier

und dulde nur die schönste Königin neben mir.“

Die Königin nun, nachdem sie Schneewittchen fortgeschickt hatte, dachte, dass sie wieder die Allerschönste wäre. So trat sie vor ihren Spiegel und fragte:

„Spieglein, Spieglein an der Wand,

wer ist die Schönste im ganzen Land?“

Da antwortete der Spiegel:

„Frau Königin, ihr seid die Schönste hier,

aber Schneewittchen über den Bergen,

bei den sieben Zwergen,

ist noch tausendmal schöner als ihr.“

Da erschrak sie, denn sie wusste, dass der Spiegel die Wahrheit sagte und merkte, dass es nicht ausgereicht hatte, Schneewittchen einfach nur fortzuschicken. Voller Furcht und verzweifelt sann sie, wie sie dennoch den Anspruch des Königs erfüllen konnte, denn so lange sie nicht die Schönste war im ganzen Land, ließ der König sie nicht neben sich zu. Und als sie sich endlich etwas ausgedacht hatte, färbte sie sich das Gesicht und kleidete sich wie eine alte Krämerin und war ganz unkenntlich. In dieser Gestalt ging sie über die sieben Berge zu den sieben Zwergen, klopfte an die Türe und rief: „Schöne Ware feil!“ Schneewittchen guckte zum Fenster heraus und rief: „Guten Tag, liebe Frau, was habt ihr zu verkaufen?“ „Gute Ware, schöne Ware“, antwortete sie, „Schnürriemen von allen Farben“, und holte einen hervor, der aus bunter Seide geflochten war. „Die ehrliche Frau kann ich hereinlassen“, dachte Schneewittchen, riegelte die Türe auf und kaufte sich den hübschen Schnürriemen. „Kind“, sprach die Alte, „wie du aussiehst! Komm, ich will dich einmal ordentlich schnüren.“ Schneewittchen hatte kein Arg, stellte sich vor sie und ließ sich mit dem neuen Schnürriemen schnüren: aber die Alte schnürte geschwind und schnürte so fest, dass dem Schneewittchen der Atem verging und es wie tot hinfiel. „Nun bist du die Schönste gewesen“, sprach sie und eilte hinaus.

Auf dem Rückweg aber war die Königin schon so sehr mit ihren Gedanken beim König, ihm nun wieder zu gefallen, dass sie nicht auf den Weg achtete und sich im Wald verlief. Wie froh war sie daher, in der Abenddämmerung zwei Frauen zu begegnen, die vom Beeren sammeln auf dem Heimweg waren. So sprach sie diese an, um nach dem Weg zu fragen. Die beiden Frauen blieben stehen und sahen sie mit unergründlichem Blick an. Dann sprach die erste mit Tränen in den Augen und in vorwurfsvollem Tonfall rätselhaft:

„Sieh nur diese Flasche,

Schuld fließt in die Tasse.“

Und die zweite fügte hinzu:

„Guter, roter Beerensaft,

doch nur noch als zerstörte Lebenskraft.“

Dann wiesen die beiden stumm in die richtige Richtung und gingen ihrer Wege. In der Königin aber wirkte die Begegnung mit den beiden Frauen noch lange nach.

Zur selben Abendzeit als die Königin den beiden Beerensammlerinnen begegnet war, kamen auch die sieben Zwerge nach Hause. Doch wie erschraken sie, als sie ihr liebes Schneewittchen auf der Erde liegen sahen; und es regte und bewegte sich nicht, als wäre es tot. Sie hoben es in die Höhe und weil sie sahen, dass es zu fest geschnürt war, schnitten sie den Schnürriemen entzwei: Da fing Schneewittchen an, ein wenig zu atmen und ward nach und nach wieder lebendig. Als die Zwerge hörten, was geschehen war, sprachen sie: „Die alte Krämersfrau war niemand anderes als die gottlose Königin. Hüte dich und lass keinen Menschen herein, wenn wir nicht bei dir sind.“

Die Königin jedoch, als sie nach Hause gekommen war, wunderte sich, dass der König auch weiterhin nichts mit ihr zu tun haben wollte. Daher ging sie vor den Spiegel und fragte:

„Spieglein, Spieglein an der Wand,

wer ist die Schönste im ganzen Land?“

Da antwortete er wie sonst:

„Frau Königin, ihr seid die Schönste hier,

aber Schneewittchen über den Bergen,

bei den sieben Zwergen,

ist noch tausendmal schöner als ihr.“

Als sie das hörte, wurde sie ganz blass, so viel Furcht hatte sie, denn sie wusste nun, dass Schneewittchen wieder lebendig geworden war. Angst schnürte ihr die Kehle zu, dem König nicht mehr zu gefallen. Doch zugleich fühlte sie auch Erleichterung und sogar Freude darüber, dass ihre Tochter noch lebte. Und immer wieder erinnerte sie sich an die beiden rätselhaften Beerensammlerinnen mit ihren untergründlichen Blicken und vorwurfsvollen Worten. Hin- und hergerissen ertrug sie dadurch ganze sieben Jahre lang das Missfallen des Königs, bis sie es schließlich nicht mehr aushielt.

„Nun aber“, dachte sie, „will ich etwas aussinnen, das Schneewittchen zu Grunde richten soll“, und machte einen giftigen Kamm. Dann verkleidete sie sich und nahm die Gestalt eines anderen alten Weibes an. So ging sie hin über die sieben Berge zu den sieben Zwergen, klopfte an die Türe und rief: „Gute Ware feil!“ Schneewittchen schaute heraus und sprach: „Geht nur weiter, ich darf niemanden hereinlassen.“ „Das Ansehen wird dir doch noch erlaubt sein“, sprach die Alte, zog den giftigen Kamm heraus und hielt ihn in die Höhe. Da gefiel er dem Kinde so gut, dass es sich betören ließ und die Türe öffnete. Als sie des Kaufs einig waren, sprach die Alte: „Nun will ich dich einmal ordentlich kämmen.“ Das arglose Schneewittchen dachte an nichts und ließ die Alte gewähren, aber kaum hatte diese den Kamm in die Haare gesteckt, als das Gift darin wirkte und das Mädchen ohne Besinnung niederfiel. „Es tut mir so leid, meine Tochter“, sprach das verzweifelte Weib, „aber ich halte es ohne die Wertschätzung des Königs nicht aus.“, und ging fort.

Auf dem Rückweg jedoch bereute sie bereits ihre Tat. Dadurch war sie so in Gedanken versunken, dass sie nicht auf den Weg achtete und sich erneut im Wald verlief. Und wieder begegnete sie in der Abenddämmerung den beiden Beerensammlerinnen. Doch dieses Mal war der Vorwurf in dem Tonfall der rätselhaften Worte noch viel größer als bei der Begegnung zuvor und die Tränen der ersten Frau flossen unablässig über deren Gesicht. So wusste die Königin nicht mehr ein noch aus, denn ihre Schuldgefühle waren unerträglich und doch brauchte sie auch die Wertschätzung des Königs.

Zur selben Abendzeit wie die Begegnung mit den Beerensammlerinnen kamen die sieben Zwerglein nach Hause. Als sie Schneewittchen wie tot auf der Erde liegen sahen, hatten sie gleich die Königin in Verdacht, suchten nach und fanden den giftigen Kamm; und kaum hatten sie ihn herausgezogen, so kam Schneewittchen wieder zu sich und erzählte was vorgegangen war. Da warnten sie es noch einmal auf seiner Hut zu sein und niemandem die Türe zu öffnen.

Die Königin aber stellte sich daheim vor den Spiegel und fragte:

„Spieglein, Spieglein an der Wand,

wer ist die Schönste im ganzen Land?“

Da antwortete er wie vorher:

„Frau Königin, ihr seid die Schönste hier,

aber Schneewittchen über den Bergen,

bei den sieben Zwergen,

ist doch noch tausendmal schöner als ihr.“

Als sie den Spiegel so reden hörte, zitterte und bebte sie innerlich zerrissen von ihren Gefühlen.

Sieben Jahre lang versuchte sie nun mit allen Mitteln, schöner als Schneewittchen zu werden, um endlich doch noch dem König als Allerschönste zu gefallen. So probierte sie diverse Tinkturen und Kräuter aus, ließ sich die kostbarsten Gewänder anfertigen und zog kundige Alte zu Rate. Außerdem ließ sie sich stundenlang für den König zurechtmachen, doch dieser würdigte sie keines Blickes. Umso mehr traf es sie, als sie schließlich bemerkte, dass ihre ursprüngliche Schönheit mit jeder Frage nach ihrer Schönheit an den Spiegel inzwischen sichtbar verging. Entsetzt wurde ihr klar, dass sie den König endgültig verlieren würde, wenn sie jetzt nicht etwas Grundsätzliches unternahm.

„Schneewittchen muss sterben“, rief sie, „und wenn es mein eignes Leben kostet.“ Daraufhin ging sie in eine ganz verborgene einsame Kammer, wo niemand hinkam, und machte da einen giftigen Apfel. Äußerlich sah er schön aus, weiß mit roten Backen, dass jeder, der ihn erblickte, Lust danach bekam; aber wer ein Stückchen von der roten Hälfte aß, der musste sterben. Als der Apfel fertig war, färbte sie sich das Gesicht und verkleidete sich in eine Bauersfrau und so ging sie über die sieben Berge zu den sieben Zwergen. Sie klopfte an, Schneewittchen streckte den Kopf zum Fenster heraus und sprach: „Ich darf keinen Menschen einlassen, die sieben Zwerge haben es mir verboten.“ „Mir auch recht“, antwortete die Bäuerin, „meine Äpfel will ich schon loswerden. Da, einen will ich dir schenken.“ „Nein“, sprach Schneewittchen, „ich darf nichts annehmen.“ „Fürchtest du dich vor Gift?“, sprach die Alte, „Siehst du, da schneide ich den Apfel in zwei Teile; die rote Hälfte isst du, die weiße will ich essen.“ Der Apfel war aber so geschickt gemacht, dass die rote Hälfte allein vergiftet war. Schneewittchen schmachtete den schönen Apfel an und als es sah, dass die Bäuerin davon aß, so konnte es nicht länger widerstehen, streckte die Hand hinaus und nahm die giftige Hälfte. Kaum aber hatte es einen Bissen davon im Mund, so fiel es tot zur Erde nieder. Da betrachtete es die Königin und sprach: „Weiß wie Schnee, rot wie Blut und schwarz wie Ebenholz! Diesmal können dich die Zwerge nicht wieder erwecken.“ Und als sie daheim den Spiegel befragte,

„Spieglein, Spieglein an der Wand,

wer ist die Schönste im ganzen Land?“,

so antwortete er endlich,

„Frau Königin, ihr seid die Schönste im Land.“

Da fand ihre innere Zerrissenheit Ruhe, denn der König duldete sie wieder neben sich.

Doch dauerte ihre Ruhe nicht lange an, denn nach drei Tagen fügte der Spiegel seiner Antwort nun jedes Mal den Zusatz hinzu:

„Königin, eure Schönheit verblasst,

weil ihr Schneewittchen so hasst.“

Wie groß wurde da ihre Angst, weil ihre Situation noch schlimmer geworden war als zuvor.

Zusätzlich erschrak die Königin als sie in den Hof hinausblickte. Sah sie dort doch die zwei Beerensammlerinnen aus dem Wald. Innerlich aufgewühlt näherte sie sich den beiden von hinten und beobachtete, wie diese den Schlossbewohnerinnen und Schlossbewohnern von ihrem Beerensaft einschenkten. Dabei murmelten sie unentwegt vor sich hin. Noch näher ging die Königin heran, um ihre Worte zu verstehen. Da drehten sich die beiden zu ihr um, sahen sie anklagend an und wiederholten laut, was die Königin schon befürchtet hatte:

„Sieh nur diese Flasche,

Schuld fließt in die Tasse.“

„Guter, roter Beerensaft,

doch nur noch als zerstörte Lebenskraft.“

Dann reichten sie ihr eine Tasse und wie unter Zwang konnte die Königin nicht anders als diese auszutrinken.

Dies wiederholte sich nun sieben Jahre lang jeden Tag. Und allmählich kamen der Königin ganz andere Fragen an den Spiegel in den Sinn als nur nach ihrer Schönheit. Zugleich stellte sie fest, dass jede dieser neuen Fragen sie wieder ein klein wenig schöner werden ließen. Was all ihre Anstrengungen, dem König zu gefallen, all die Jahre nicht geschafft hatten, passierte nun ganz von alleine; einfach nur durch die richtigen Fragen. So traute sie sich schließlich, den Spiegel zu fragen, wie denn ihre Beziehung zu Schneewittchen richtigerweise sein sollte.

Da antwortete der Spiegel:

„Schneewittchen hoch oben

und du im Land,

gemeinsam seid ihr die Schönsten

‒ Hand in Hand ‒

Und als sich die Königin schon abwenden wollte, fügte der Spiegel noch hinzu:

„Doch nicht die Schönheit ist, was zählt,

sondern beide seid ihr auserwählt.

Aus der Weite, durch Schneewittchen bis ins Land,

halte auch den König an der Hand.“

Nach diesen letzten Worten zeigte der Spiegel ihr Schneewittchen in einem Glassarg hoch oben auf einem Berg, bevor der Spiegel in tausend Stücke zersprang. Nunmehr wusste die Königin zutiefst innerlich, was richtig war, fühlte ihre Mutterliebe für Schneewittchen und machte sich erneut auf den Weg zu den sieben Zwergen hinter den sieben Bergen.

Dort hatten die Zwerglein die Jahre zuvor, als sie abends nach Hause kamen, Schneewittchen wie tot auf der Erde liegen gefunden. Und es ging kein Atem mehr aus seinem Mund. Sie hoben es auf, suchten ob sie etwas Giftiges fänden, schnürten es auf, kämmten ihm die Haare, wuschen es mit Wasser und Wein, aber es half alles nichts; das liebe Kind war tot und blieb tot. Sie legten es auf eine Bahre und setzten sich alle sieben daran und beweinten es und weinten drei Tage lang. Da wollten sie es begraben, aber es sah noch so frisch aus wie ein lebender Mensch und hatte noch seine schönen roten Wangen. Sie sprachen, „Das können wir nicht in die schwarze Erde versenken“, und ließen einen durchsichtigen Sarg von Glas machen, dass man es von allen Seiten sehen konnte, legten es hinein und schrieben mit goldenen Buchstaben seinen Namen darauf und dass es eine Königstochter wäre. Dann setzten sie den Sarg hinaus auf den Berg und einer von ihnen blieb immer dabei und bewachte ihn. Und die Tiere kamen auch und beweinten Schneewittchen, erst eine Eule, dann ein Rabe, zuletzt ein Täubchen.

Nun lag Schneewittchen all die Jahre lang in dem Sarg und verweste nicht, sondern sah aus, als wenn es schliefe. Zunächst war es noch so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarzhaarig wie Ebenholz. Doch allmählich wurden die Haare von Schneewittchen immer heller und schließlich blond und zusätzlich fingen sie an, sich zu wellen. Noch viel schöner war das Schneewittchen geworden mit seinen zarten, luftigen, blonden Locken.

Es geschah aber, dass ein Königssohn in den Wald geriet und zu dem Zwergenhaus kam, um dort zu übernachten. Er sah auf dem Berg den Sarg und das schöne Schneewittchen darin und las was mit goldenen Buchstaben darauf geschrieben war. Da sagte er zu den Zwergen: „Lasst mir den Sarg, ich will euch geben, was ihr dafür haben wollt.“ Aber die Zwerge antworteten: „Wir geben ihn nicht um alles Gold in der Welt.“ Daraufhin fuhr er fort: „So schenkt mir ihn, denn ich kann nicht leben ohne Schneewittchen zu sehen, ich will es ehren und hochachten wie mein Liebstes.“ Dies aber hörte die Königin als sie genau in dem Moment bei dem Glassarg ankam und empfand sofort Sympathie für den Prinzen. Wie der Prinz so sprach, wollten die guten Zwerglein ihm den Sarg geben. Doch da geschah es, dass ein heftiger Windstoß den Sarg erfasste und den Zwergen aus ihren Händen entriss. Von dem Schüttern fuhr das giftige Apfelstück, welches Schneewittchen abgebissen hatte, aus seinem Hals. Und nicht lange so öffnete es die Augen, hob den Deckel vom Sarg in die Höhe und richtete sich auf und ward wieder lebendig.

Die Königin, der Prinz und die sieben Zwerge waren außer sich vor Freude. Schneewittchen aber fühlte sich geborgen in der Weite des Himmels und blickte liebevoll in die Augen seiner Mutter und des Prinzen. In seinem Herzen fühlte Schneewittchen, dass dort auf diesem Berg sein zu Hause in einem leichten, luftigen Schloss sein würde. So sprach es zu dem Prinzen: „Ich habe dich sehr lieb; bleibe als mein Gemahl bei mir auf diesem Berg.“ Da blieb der Prinz bei Schneewittchen und ihre Hochzeit ward mit großer Pracht und Herrlichkeit angeordnet.

Zu dem Fest von Schneewittchen und dem Prinzen wurden alle eingeladen; die sieben Zwerge, die Königin, der König, die Beerensammlerinnen, der Jäger sowie auch der Vater des Prinzen und viele weitere Königinnen und Könige. Sie alle folgten der Einladung zur Hochzeit. Es hatte sich bereits herumgesprochen, wie liebevoll die Menschen in dem Königreich mit den zwei Schlössern, hoch oben auf dem Berg direkt unter dem weiten Himmel und unten im Land, miteinander umgingen. Die sieben Zwerge waren willkommene Gäste in beiden Schlössern und versorgten diese mit Gold und Erz. Schneewittchen gab den weisen Rat der Wolkenformationen an die Königin weiter und der König folgte dieser Weisheit freiwillig und gerne. So begrüßte ihn die Königin jeden Tag mit den Worten:

„Die Weite ist die höchste Macht,

sie gibt auch dir, mein König, sehr viel Kraft.“

Berlin, den 24.6.2022, Ayleen Lyschamaya, Musubis weibliche Gestaltungskraft

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