Mythos Erleuchtung – was ist Erleuchtung?

Scheinbare Widersprüche der Erleuchtung

Der vollständige spirituelle Weg hebt die scheinbaren Widersprüche der herkömmlichen Erleuchtung auf. Deswegen möchte ich an dieser Stelle zunächst auf die gängigen Vorstellungen über Erleuchtung eingehen, bevor ich erläutere, was realistischer Weise von der herkömmlichen Erleuchtung und von der Am-Ziel-Erleuchtung erwartet werden kann.

„… Über die Vorgänge, die mit dem Begriff Erleuchtung im religiösen Sinn bezeichnet werden, und die Gründe ihres Auftretens gibt es unterschiedliche Auffassungen, die mit dem jeweiligen philosophischen oder religiösen Hintergrund des Beurteilenden zusammenhängen. In manchen Fällen wird Erleuchtung als spontan eingetretener Durchbruch oder als aus eigener Kraft erlangtes Endergebnis eines Prozesses geistiger Übung und Entwicklung aufgefasst, nach anderen Interpretationen ist sie göttlicher Gnade zu verdanken, und wieder andere konstatieren eine Verbindung von beidem. Gewöhnlich ist mit der Vorstellung von Erleuchtung die Annahme verbunden, dass sich die Persönlichkeit dadurch tiefgreifend und nachhaltig verändert. …“[1]

„… Ist es nicht sonderbar? Für den einen ist Erleuchtung eine ganz simple Angelegenheit, nur eine kleine Verschiebung im Bewusstsein, ein Wechsel der Perspektive – das war’s! Für andere ist es die grundlegendste und tiefgreifenste Transformation, die einem Lebewesen überhaupt wiederfahren kann, eine radikale Umgestaltung des Körpers, der Psyche und des Energiesystems, die viele Jahre Vorbereitung und eine intensive Auseinandersetzung mit Traumen und Schatten erfordert. Was ist denn da los? Reden die eigentlich von derselben Sache? Das tun sie ganz offensichtlich nicht. …“[2]

Beide Zitate über Erleuchtung beinhalten vor allem folgende Aussagen, die einem auch in anderem Zusammenhang immer wieder mit herkömmlicher Erleuchtung begegnen:

  • Erleuchtung ist eine Verschiebung im Bewusstsein
  • Erleuchtung ist ein spontan eintretender Durchbruch
  • Erleuchtung ist das Endergebnis eines langjährigen Prozesses
  • Erleuchtung verändert tiefgreifend und nachhaltig die Persönlichkeit

Diese Aussagen über Erleuchtung gelten offenbar als Widersprüche, die sie aber keineswegs sind. Erleuchtung wird lediglich aus einer unterschiedlichen Persönlichkeitsstruktur und verschiedenem Seelenalter heraus erfahren und dementsprechend scheinbar widersprüchlich beschrieben.

„Erleuchtung ist eine Verschiebung im Bewusstsein“ trifft für die herkömmliche Erleuchtung zu, welche als weibliche Erleuchtung erfahren wird. Es wird von der Identifikation mit dem Ego zur Identifikation mit dem göttlichen Bewusstseinsanteil beziehungsweise dem universellen Ganzen gewechselt. Dieser Durchbruch kann insbesondere dann spontan eintreten, wenn sich die Seele noch soweit am Anfang ihres Seelenzyklus befindet, dass ihr der universelle Ursprung noch relativ nah ist, sie zugleich aber schon soweit in ihrem Seelenzyklus fortgeschritten ist, dass sie sich vor ihrer Erleuchtung bereits vollständig mit ihrem Ego identifizierte.

Die weibliche Erleuchtung als dauerhafte Bewusstseinsverschiebung verändert die irdische Persönlichkeit als solche nicht. Da sich die weiblich erleuchtete Person nun aber mit ihrem göttlichen Bewusstseinsanteil identifiziert, verändert sich dadurch ihre Wahrnehmung, ihr Verhalten und ihre gesamte Weltanschauung, sodass es ihr selber und anderen Menschen wie ein spontaner, tiefgreifender Persönlichkeitswandel vorkommen kann.

Die männliche Erleuchtung ist keine Bewusstseinsverschiebung, sondern eine Bewusstseinserweiterung durch das Ego hindurch. Sie erfordert üblicherweise einen langjährigen Prozess der Persönlichkeitsentwicklung (siehe auch meine persönlichkeitsstrukturorientierte Psychotherapie), welcher dann wiederum relativ plötzlich zur Auflösung der Ego-Identifikation in die Transzendenz hinein führen kann. Diese männliche Erleuchtung verändert tiefgreifend und nachhaltig die Persönlichkeit, was jedoch durch die schon vorangegangenen Entwicklungsprozesse nicht auch unbedingt als so gravierend direkt der Erleuchtung zugeordnet werden muss.

Vollständiger spiritueller Weg: Die Am-Ziel-Erleuchtung beinhaltet sowohl die weibliche als auch die männliche Erleuchtung sowie die Verbindung beider Erleuchtungsformen.

Neues Zeitalter: Erleuchtung als ein Zwischenschritt auf dem Weg zur Am-Ziel-Erleuchtung

Das bisherige allgemeinmenschliche Bewusstseinsniveau (siehe auch die 7 größten spirituellen Irrtümer) hält die herkömmliche Erleuchtung für das Ziel spiritueller Entwicklung. Doch inzwischen hat sich die Menschheit weiterentwickelt und ist im Übergang in ein neues Zeitalter.

„… Manche Lehrer berichten, dass Erwachen derzeit vielen Menschen zugänglich zu sein scheint, was darauf hindeuten könnte, dass die kollektive Reise der Menschheit zu höherem Bewusstsein in eine neue Phase eintritt. …“[2]

Dementsprechend wird die Am-Ziel-Erleuchtung irgendwann gar nichts Besonderes mehr sein, sondern das normale vollständig erfahrene Bewusstsein der transzendenten Menschen. Dieses beinhaltet völlig selbstverständlich die Einheitserfahrung mit dem Ganzen als liebevolle harmonische Basis und identifiziert sich mit dem eigenen göttlichen Bewusstseinsanteil. Von diesem aus wird die innere Familie in glücklicher irdischer Gestaltung gelebt. Das heißt, der Mensch des neuen Zeitalters lebt in innerer Freude ganz normal irdisch und ist zugleich (einschließlich seiner irdischen Persönlichkeit) vollständig liebevoll göttlich.

Erleuchtung als immerwährende Glückseligkeit? Was bedeutet Erleuchtung?

Zunächst einmal vorweg: Die folgende Erklärung gilt für schon etwas ältere Seelen. Kleinkindliche Seelen machen in diesem Sinne keine Erleuchtungserfahrungen.

Bei der herkömmlichen Erleuchtung wird die Identifikation mit dem Ego aufgegeben und stattdessen in eine Identifikation mit dem göttlichen Bewusstseinsanteil und oftmals noch darüber hinaus mit dem universellen Ganzen gewechselt. Dieser wunderschöne Zustand wird häufig für einen längeren Zeitraum (meistens mehrere Monate bis zu einem halben Jahr) in seiner reinen Form erlebt. Ob Stille, Ruhe, Frieden und Harmonie oder Liebe und Mitgefühl oder Glücksgefühle überwiegen, hängt davon ab, wieweit die Einbettung ins Ganze im Vordergrund steht und ob es sich um die weibliche oder um die männliche Erleuchtung handelt.

Darauf, was die weibliche und die männliche Erleuchtung jeweils bedeuten, möchte ich an dieser Stelle nicht weiter eingehen, weil ich die verschiedenen Erleuchtungen ausführlich in meinem Grundlagenwerk „Der vollständige spirituelle Weg“ beschreibe. In „Der vollständige spirituelle Weg“ beantworte ich eure Fragen zur weiblichen und männlichen Erleuchtung bis hin zur Am-Ziel-Erleuchtung des neuen Zeitalters.

Irgendwann klingt der wunderschöne Erleuchtungszustand in seiner reinen Form ab, weil sich die irdischen Bewusstseinsanteile wieder melden. Dadurch kann die herkömmliche Erleuchtung sogar auch weitgehend verloren gehen. Meistens bleibt der göttliche Bewusstseinsanteil jedoch erhalten, sodass sich die Erfahrung des eigenen transzendenten Bewusstseins erweitert hat.

In dieser Phase des Abklingens der herkömmlichen Erleuchtung gibt es nun zwei Möglichkeiten: erstens Verdrängung des Egos und zweitens Fortsetzung der Persönlichkeitsentwicklung.

  1. Verdrängung des Egos

Es wird versucht, den Erleuchtungszustand durch Verdrängung des Egos aufrechtzuerhalten. Diese herkömmlichen Spirituellen Meisterinnen, Meister und Gurus beschreiben den göttlichen Bewusstseinsanteil, lehren, wie dieser zu erreichen sowie das Ego aufzugeben ist und befinden sich in ständigem Verdrängungskampf gegen ihr eigenes Ego.

Die herkömmlich erleuchtete Spirituelle Meisterin Rani[3] erzählte im Mai 2005 sehr detailliert und aufrichtig, wie sie zunächst in die Verdrängungsfalle getappt ist, diese aber schließlich erkannt und sich aus ihr befreit hat. Sie schreibt: „… Jeder Sucher möchte Erleuchtung. Die meisten Leute nehmen an, dass dies ein Zustand von immerwährender Glückseligkeit und Einheit ist. Sie glauben, dass das Leben nach der Erleuchtung leicht und einfach ist durch die unendliche Ausdehnung ins Jenseits. Obwohl es wahr ist, dass es so etwas wie das Erleuchtungserlebnis gibt, das all diese Charakteristiken hat, ist das wahrhaft erleuchtete Leben etwas ziemlich anderes. … Ich redete mir ein, ich sei erfüllt. Ich gestand mir nicht ein, … In der Tat war Vermeidung zu meinem Lebensstil geworden. Rückblickend kann ich sagen, dass ich das zwar immer vage wusste, aber es war einfach zu beängstigend gewesen, um es mir wirklich einzugestehen. …“

Der herkömmlich erleuchtete Spirituelle Meister Andrew Cohen[4] erklärte im Juli 2013: „… Ich habe die einfache Wahrheit verstanden, dass wir alle Egos haben, egal wie erleuchtet wir sind und ich habe dies … gelehrt. Aber als jene, die mir am Liebsten und Nächsten waren mich anhielten, meinem eigenen Ego ins Auge zu sehen, habe ich mich geweigert. … habe ich beschlossen, mir eine Auszeit zu nehmen, damit ich mich endlich bemühen kann, mich selbst in der Weise zu entwickeln, wie ich es andere immer gelehrt habe. …“

Beide herkömmlich Erleuchteten haben erkannt, dass ihre Erleuchtung noch nicht das Ende ihrer Persönlichkeitsentwicklung war und haben daraus die Konsequenz gezogen, ihren spirituellen Weg fortzusetzen. Einer Entschuldigung oder der Einsicht von Scheitern hätte es dazu aber nicht bedurft, weil ihre spirituelle Meisterschaft als solche durchaus gegeben war. Sie hatten den göttlichen Bewusstseinsanteil erfahren und gelehrt. Vielmehr ist die Erwartungshaltung, welche an die  herkömmliche Erleuchtung gestellt wird, falsch.

  1. Fortsetzung der Persönlichkeitsentwicklung

Es wird aus dem erweiterten Bewusstsein der herkömmlichen Erleuchtung heraus die Persönlichkeitsentwicklung bis zur Am-Ziel-Erleuchtung fortgesetzt. Dabei wird das Ego als innere Familie integriert.

Die Am-Ziel-Erleuchtung ist das Ende aller Persönlichkeitsentwicklung. Das Bewusstsein ist vollständig erfahren, von Göttlich zu irdisch ausgerichtet und das Energiesystem auf Liebesausstrahlung durch sich selber hindurch umgestellt. Es gibt eine solide göttliche Basis, die trägt, und es werden faszinierende neue, positive Erfahrungen gemacht. Von nun an geht es um Liebesgestaltung.

Zugleich kommt es aber noch, abhängig vom Seelenalter, dem Ausmaß der ursprünglichen Verletzungen und der Persönlichkeitsstruktur, zu Reinigungsprozessen. Es wird Körper-Heilung durchgeführt, um die noch im Körper (siehe auch Körperpsychotherapie) gespeicherten Altlasten vollständig zu beseitigen und die karmischen Energien des Umfeldes aufzulösen.

Mit der Am-Ziel-Erleuchtung dauert es daher noch etwa gut ein Jahr, bis der wunderbare göttliche Bewusstseinszustand das Irdische durchdrungen hat. Das gesamte transzendente Bewusstsein der Am-Ziel-Erleuchteten wird ‒ mit integriertem irdischen Persönlichkeitsanteil bis in den physischen Körper hinein ‒ immer reiner göttlich. Zugleich wird das Umfeld geheilt und aus der universellen Liebe heraus gestaltet.

 

Erleuchtete in der Kritik, Bewusstseinsniveau Eckhart Tolle und Sri Chinmoy
Halbzeit der Evolution“ von Ken Wilber

 

Am-Ziel-ErleuchtungNeues Zeitalter als evolutionärer Bewusstseinssprung: Die geheilte und transzendierte innere Familie verbunden mit der herkömmlichen Erleuchtung als Am-Ziel-Erleuchtung

 

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[1] Siehe Wikipedia Stand 11/2017.
[2] Siehe „Was ist Erleuchtung?“ von David Rotter, 12.12.2010, in Sein: www.sein.de/was-ist-erleuchtung.
[3] www.sein.de/eine-satsanglehrerin-steigt-aus/ (Stand 1/2018).
[4] www.sein.de/news/2013/07/andrew-cohen-tritt-zurueck-und-entschuldigt-sich/ (Stand 1/2018).